STADTRADELN-Star Blog: Frauke Beckert


3 Wochen autofrei mit Kleinkind - Was ich gelernt habe

Bild Geschrieben am 22.09.2021 von Frauke Beckert
Team: #Offenes Bezirksteam Marzahn-Hellersdorf
Kommune: Berlin

Das Wichtigste zuerst. ES GEHT. Nicht ganz ohne Überwindung, und auch nicht ganz, ohne auf Komfort zu verzichten. Im Regen fährt es sich eben doch besser in einem warmen Auto... das gilt nicht einmal in erster Linie für mich selbst, aber für mein Söhnchen. Der soll ja das Fahrradfahren als etwas Schönes, Erstrebenswertes kennenlernen, und nicht als eine Last und einen Ort, an dem ihm ständig kalt ist.
Nach drei Wochen, in denen ich keinen Fuß ins Innere eines Autos gesetzt habe, fühle ich mich auf jeden Fall energetischer als vorher. Das Radfahren als Mittel der Fortbewegung ist mir auch wieder präsenter. Wenn ich darüber nachdenke, wo es morgen hingehen soll, dann denke ich das Radfahren mit.
Einige Umstellungen waren notwendig: Ich musste lernen, mit Kleinkind UND Gepäck TROTZDEM noch einkaufen zu gehen. Gar nicht so leicht... und ich werde wohl in einen anderen Fahrradständer investieren. Immer noch eine kleine Investition im Vergleich dazu, was ich sonst an Benzin verfahren hätte! Und deshalb auch voll im Rahmen.
Es hätte noch mehr Spaß gemacht, wenn die Radwege besser wären. Radverkehr muss nicht nur mitgedacht werden, er braucht einfach manchmal Vorrang. Wenn ich mit dem Rad an JEDER. VERDAMMTEN. AMPEL. anhalten muss, dann macht das keinen Spaß. Radfahrer brauchen grüne Wellen, genau wie man sie sich im Auto wünscht. Marzahn hat ein massives Problem mit parkenden Autos. Das Zuparken von Kreuzungen und Wegen macht das Radfahren unnötig gefährlich, weil man sehr oft nichts sehen kann, oder nicht gesehen wird. Dieses Problem kann nur gelöst werden, indem Möglichkeiten geschaffen werden, wo man legal und praktisch sein Auto abstellen kann. Tiefgaragen zum Beispiel, oder Parkhäuser anstelle unendlich riesiger Parkplätze. So, wie man Menschen in Wohnhäusern stapelt, weil der Platz eng ist, muss man auch anfangen, Autos zu stapeln! Und natürlich muss Parken was kosten - es kann doch nicht sein, dass wir 1500 Euro Miete für 90m² Wohnung bezahlen, aber gleichzeitig könnten wir 100 Autos einfach so kostenfrei herumstehen lassen.
Außerdem gibt es hier, außerhalb der Ringbahn, viel weniger Möglichkeiten, wie ich mein Fahrrad auch über längere Strecken in öffentlichen Verkehrsmitteln mitnehmen kann. Busse fahren zu selten (oder nicht weit genug), um sie wirklich effektiv zu nutzen. Sobald ich einen Fuß nach Brandenburg setze, ist sowieso alles anders. Was total merkwürdig ist, denn Brandenburg beginnt literally auf der anderen Straßenseite...
Berlin braucht beides, bessere Möglichkeiten für Autos UND bessere (und mehr) Radwege. Wenn beides gemeinsam geplant wird, entsteht ein Gesamtbild einer zukunftssicheren Mobilität. Eine Vision von einem Berlin, das 2030 autofrei ist, klingt zwar super - aber let's be honest, es wird nicht passieren. In einer Stadt, die 12 Jahre braucht, um einen Flughafen zu bauen, wird ein solcher Schritt doch nicht in 9 Jahren realisiert. Also bitte, Politiker von Berlin - guckt mal über die Ringbahn hinaus, baut Öffis auch in den Außenbereichen aus. Bindet Brandenburg besser an, sodass Pendlern mehr Möglichkeiten gegeben wird. Schafft mehr Radwege und auch mehr Möglichkeiten, Autos effizient zu fahren UND abzustellen. Dann kriegt ihr das mit dem autofreien Berlin bestimmt irgendwann hin.

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5 mal unterwegs mit Rad & Kleinkind (und ohne Geld) in Marzahn

Bild Geschrieben am 20.09.2021 von Frauke Beckert
Team: #Offenes Bezirksteam Marzahn-Hellersdorf
Kommune: Berlin

#1 Wuhle-Wanderweg
Der Klassiker! Der Wuhle-Wanderweg führt von Ahrensfelde an der Wuhle entlang bis nach Köpenick. Ich nutze ihn ab und zu, wenn das Wetter einigermaßen ist, und ich keine Lust auf unsere Standardspielplätze habe. Unterwegs kommst du am Wiesenpark vorbei. Dort gibt es einen kleinen Weiher, auf dem man Enten und sogar einen Schwan beobachten kann. Nur einige Meter weiter ist ein toller Kletterspielplatz (eher für ältere Kinder), und auch ein kleinerer Spielplatz für die Jüngsten. Anschließend geht's vorbei an den Gärten der Welt und am Kienberg, und auf dem Weg liegen drei weitere Spielplätze. Einer wartet sogar mit einer Babyschaukel auf, die mein Söhnchen bereits mit 7 Monaten total cool fand. Definitiv eine Reise wert!
#2 Dorf Alt-Marzahn
Im Dörfchen Alt-Marzahn gibt es einen Tierhof, der nachmittags geöffnet ist. Dort gibt es Kaninchen, Hühner und Hähne zu sehen. Wenn man Glück hat, kommen auch gerade die Ponys, Esel oder die Alpakas in den Stall! Das Ganze ist kostenfrei und man kann das Fahrrad easy dort abstellen. Einige Meter weiter ist übrigens eine Konditorei - wenn man vom vielen Tiere gucken dann ein wenig Hunger bekommt.
#3 Elterncafé Hellersdorf
Das Familiencafé in Helle Mitte liegt am schön gestalteten Kastanienboulevard. Ich bin ehrlich, ich hab es noch nie dorthin geschafft, als das Café geöffnet hatte - was aber gar nichts macht. Davor ist ein riesiger Spielplatz, auf dem immer etwas los ist. Unser Söhnchen liebt es, anderen Kindern zuzusehen oder auch mitzuspielen, und dort haben wir immer sofort Anschluss gefunden. Der Sand ist weich und sauber, und es gibt sowohl einen Kleinkind- als auch Großkindbereich. Der Radweg dorthin führt an der U5 entlang, man fährt große Strecken komplett ohne Autoverkehr. Das ist auch prima, wenn Kinder schon selbst fahren (lernen).
#4 Jelena-Santic-Friedenspark mit Kletterspielplatz
Der kleine Park hat einen schönen Kletterspielplatz mit einem richtig tollen Feature - KEIN SAND. Eltern kennen es sicher... 2 Minuten auf dem Spielplatz und Sand im Bett FÜR DIE EWIGKEIT. An manchen Tagen hab ich darauf einfach keine Lust... also gehen wir dorthin. Kleinere Kinder stehen eher außerhalb des riesigen Spielgerüsts (oder graben einfach in den Steinen herum), größere Kinder haben im Inneren viel zu erkunden.
#5 Zwischen den Hochhäusern an der Allee der Kosmonauten
Zwischen dem Blumberger Damm und der Allee der Kosmonauten stehen einige riesige Wohngebäude. Man kann dort über die Seitenstraßen mit sehr wenig Autoverkehr fahren. Zwar wird man permanent an das Autoproblem in Berlin erinnert (SO. VIELE. PARKENDE. AUTOS.), aber es ist relativ stressfrei, dort ein paar Meter zurückzulegen. Zwischen den Hochhäusern gibt es einige Spielplätze, für kleinere und größere Kinder. Außerdem ist dort auch eine Parkanlage mit Grünflächen und sogar einem Wasserspielplatz! Dort können Kinder auch Laufrad oder Fahrrad fahren, ohne dass sie permanent hinter Autos verschwinden. Anschließend einfach zum Supermarkt um die Ecke, schnell was fürs Abendessen holen und ab nach Hause.

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Stellen, an denen Fahrradfahrer sich einfach in Luft auflösen

Bild Geschrieben am 20.09.2021 von Frauke Beckert
Team: #Offenes Bezirksteam Marzahn-Hellersdorf
Kommune: Berlin

Heute lasse ich mal hauptsächlich die Bilder für sich sprechen... Radfahren kann erst dann eine ernstgemeinte Alternative zum Auto werden, wenn ich mich nicht als Radlerin auf meinem Weg mal eben kurz für 20 m in Luft auflösen muss. Denn das passiert regelmäßig in Berlin - Radwege enden einfach. Fangen 10 m später wieder an. Führen über Schotter oder Matsch. Stellt euch einfach vor, ihr baut eine Autobahn und zwischendurch sind mal kurz nicht mehr drei Spuren, sondern nur noch eine, ach, und die ist auch nicht asphaltiert, sondern da ist halt kurz Sand. Ein riesiger Aufschrei ginge durch Deutschland! Gleichzeitig ist genau das 'gut genug' für Radfahrer. Ein Radweg, der zwar an sich ganz okay ist, dann aber einfach endet. Wer kennt es nicht.
Hier also ein paar Beispiele der schönsten Orte in Marzahn, an denen sich Fahrradfahrer in Luft auflösen.

#1 Baustelle Hellersdorfer Straße: Da gibt's immer wieder etwas Neues zu sehen! Die Baustelle ist in steter Veränderung, nur eine Konstante bleibt: Es wird gern mal vergessen, dass da irgendwo auch der Radverkehr langgeführt werden muss...

#2 Radwegausgang Wiesenpark: Aus einem kombinierten Fuß-/Radweg komment geht's auf einen Zebrastreifen - und wo ist da der Radweg? Dürfen wir auf dem Fußweg weiterfahren? Müssen wir auf die Straße? Niemand weiß es.

#3 Radwegmündung an der Eisenacher Straße: Nicht nur wird die Straße dort schmaler, nein! Zur selben Zeit fädelt genau vor dem Zebrastreifen auch der vorher separat geführte Radweg auf die Straße ein. Dort sind 50 km/h erlaubt, wir wissen alle, wie viel dann tatsächlich gefahren wird... ein Träumchen!

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Schlaglöcher und andere Hindernisse

Bild Geschrieben am 09.09.2021 von Frauke Beckert
Team: #Offenes Bezirksteam Marzahn-Hellersdorf
Kommune: Berlin

Wenn man es mal aufs Rad geschafft hat, merkt man an vielen Stellen, dass der Radverkehr oft nicht mitgedacht wurde. Ein Radfahrer sollte sich immer selbst in der "Autorolle" denken, wenn es keine explizit für Fahrräder vorgeschriebenen Spuren gibt. Sprich, ich fahre auf der Straße, solange ich keinen Radweg oder die Erlaubnis habe, auf dem Fußweg zu fahren. Auf der Straße aber ist meist alles aufs Auto ausgerichtet - auch die Hemmschwelle, ab wann Schlaglöcher als ausbesserungswürdig gelten. Mit einem Autoreifen kann man eben über viele Unebenheiten noch drüberbügeln, über die man mit dem Fahrrad schon arg ins Schleudern kommt. Das trifft vor allem auf Seitenstraßen zu (wenig Autos, geringe Priorität zur Ausbesserung), aber auch Hauptstraßen haben an vielen Stellen Potential zum schöner (und sicherer!) werden.
Ein weiteres Hindernis sind Umwege. Denkt an den Marzahner Knoten (Landsberger Allee / Märkische Allee B158). Über die Unmöglichkeit, sicher von einem Ende zum anderen zu kommen, und die lachhaften Maßnahmen, den Radverkehr sicherer zu führen, wurde schon vielfach berichtet. Wenn ich also auf der Landsberger Allee Richtung Innenstadt unterwegs bin, fahre ich über die Marzahner Promenade am Eastgate vorbei, über die Märkische Allee und dann wieder auf die Landsberger Allee. Ein Umweg von mehr als einem Kilometer, um eine Gefahrenstelle von 50 m zu umfahren. Ein Kilometer klingt nicht viel - aber denkt mal darüber nach, was auf einer Strecke von 10 km passiert, wenn es nur drei, vier oder fünf solcher "kurzen" gefährlichen Abschnitte gibt. Durch Umwege wird das Radpendeln langsam und beschwerlich. Wer will, dass die Masse aufs Rad steigt, muss also jede noch so kurze gefährliche Passage aus dem Weg räumen. Klar, mit der TVO Ost soll hier das superschicke Radrondell entstehen - aber die Frage ist, wann das passiert. Nicht vor 2030 wahrscheinlich. Bis dahin einen Pop-up-Radweg einzurichten wäre laut Stadträtin, und jetzt kommt's - zu gefährlich.

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Wie man den inneren Schweinehund in seine Schranken weist

Bild Geschrieben am 03.09.2021 von Frauke Beckert
Team: #Offenes Bezirksteam Marzahn-Hellersdorf
Kommune: Berlin

Wer kennt ihn nicht, den inneren Schweinehund. Vor der Geburt unseres Sohnes war ich leidenschaftliche Radlerin. Ich habe erst einen Gang runtergeschaltet (Pun intended), als es am Ende meiner Schwangerschaft nicht mehr anders ging. Und oh boy, war das schwierig. Ich war es einfach gewohnt, jede Strecke mit dem Fahrrad zurückzulegen. Ich hatte die richtige Kleidung, das richtige Fahrrad und - das wichtigste - die richtige Einstellung dazu. Ja, manchmal war es langsamer. Ja, manchmal habe ich Ersatzkleidung mitgenommen und mich am Zielort umgezogen. Das war es mir wert, denn dafür bekam ich: Freiheit. Zeit für mich. Energie. Dann war unser Sohn da, mitten im Coronajahr. Wo man einfach sowieso nirgendwo hinfahren konnte (und wollte). Wo man vor allem mit neuem Baby einen Radius hatte, der auf der einen Seite vom Supermarkt und auf der anderen Seite von der Drogerie begrenzt wurde. Das Fahrrad stand derweil im Keller - und setzte Staub an. Mit dem Fahrradanhänger haben wir zwar schon früh kleinere Touren zurückgelegt, aber es fehlte eben die Routine. Hinzu kam, dass unser Sohn einfach nicht gern irgendwo drinsaß. Im Fahrradanhänger schlief er zumindest kurz ein, aber nach einer halben Stunde wollte er dann doch lieber wieder raus. Ich lief also, Kilometer um Kilometer, und fuhr immer weniger Fahrrad.
Und dann waren da die Stimmen - "Heute geht es nicht, heute müssen wir schnell sein". "Es könnte regnen, und das Söhnchen sollte nicht nass werden"... der innere Schweinehund machte sich so richtig breit. Mein Mann hat ein Auto, das ich bis zur Geburt nur ungefähr dreimal selbst benutzt hatte. Auf einmal war ich ständig mit dem Auto unterwegs - zum Einkaufen hier, zur Krabbelverabredung dort. Aus Zeitgründen. Wegen des Wetters. Weil... ach keine Ahnung. Einfach nur, weil es immer schwieriger wurde, wieder aufs Fahrrad umzusteigen, weil es ja irgendwie doch echt anstrengend ist (und ich ja auch 12 kg mehr Gepäck dabeihatte, in Form eines zuckersüßen kleinen Jungens... und SO. VIEL. KRAM. Wirklich, Babys brauchen einfach so viel Zeug!). Ich hatte ein schlechtes Gewissen, und es wurde immer schlechter. Doch dann belauschte ich auf einem der unzähligen Spielplatznachmittage ein Gespräch zweier Mütter neben mir. Sie unterhielten sich über Notwendigkeiten, und die eine sagte: Manchmal macht man eben etwas, das man eigentlich nicht mag. Ich kann mich darüber jetzt tagelang beschweren und mich schlecht fühlen, oder ich nehme es halt einfach hin. It happens. So what.

Genial. Einfach sagen - ja, ich benutze auch das Auto. Hier in Marzahn, wo wir wohnen, fährt nicht alle 2 Minuten irgendeine Bahn. Bis zur Bushaltestelle laufe ich 10 Minuten und dort warte ich auch gern mal 10 oder mehr Minuten auf den Bus. Der fährt dann auch nur in eine einzige Richtung. Ja, manchmal nutze ich das Auto. Gleichzeitig möchte ich wieder mehr Strecken mit dem Fahrrad zurücklegen. Im letzten Jahr haben wir uns an das Leben mit Kind gewöhnt, und jetzt ist es Zeit, dass ich mir die Welt auf dem Rad zurückhole. Deshalb habe ich es mir selbst zur Challenge gemacht, während des Stadtradelns komplett auf das Auto zu verzichten. Ich werfe mich quasi selbst ins kalte Wasser - und freu mich schon wahnsinnig drauf. Let's go, mal sehen, ob das alles so klappt. Und wenn nicht - eben nicht. Der Weg ist das Ziel, nicht wahr? Ich nehm euch auf jeden Fall mit auf diese Reise!

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Was uns alle verbindet

Geschrieben am 22.06.2019 von Frauke Beckert
Team: #Offenes Bezirksteam Marzahn-Hellersdorf
Kommune: Berlin

Mein Fahrrad ist ein glückliches Fahrrad, das seine Nächte in einer Tiefgarage verbringen darf. Temperaturen unter Null, Regen, Schnee und Vandalismus kennt mein Fahrrad nur aus den Erzählungen anderer Räder, die es bei unseren Ausflügen in die Stadt trifft. Genauso vielfältig wie die Räder sind die Menschen, die auf ihnen fahren. Sie fahren zur Arbeit, zur Kita, zu einem Freund, oder vielleicht auch einfach nur so. Auf Berlins Hauptverkehrsadern trifft man die verschiedensten Räder und ihre Radler. Da gibt es zum Beispiel die Gruppe der Leihfahrräder. Mit diesem grandiosen Angebot wird es möglich, dass sich Menschen spontan dazu entschließen, aufs Fahrrad zu steigen und einige Kilometer zu radeln. Auf Leihfahrrädern trifft man eine kunterbunte Masse an Menschen. Junggesellen und solche, die welche verabschieden. Damen in Bleistiftröcken, Menschen mit weiten Gewändern, ganze Touristengruppen, Frau mit Kind, Herr mit Herzensdame, ein Banker (das Sakko aber geöffnet, wird ja doch ganz schön warm beim Radeln).
Auf einem Leihrad fährt aber auch meine Kollegin, die zwar mit der S-Bahn fast bis zu unserem Büro kommt, aber für die Überbrückung des letzten Kilometers eine Alternative zur U8 suchte. Und auch, wer ein eigenes Rad besitzt, ist ein breiter Querschnitt durch die Gesellschaft. Dauergäste auf meinem Weg zur Arbeit sind die Eltern, die ihre ein, zwei, drei Kinder zur Kita und Schule bringen. Sind sie noch klein genug, setzt man sie in eins der Fahrräder mit der großen Kiste vorne. Da gucke dann während der Fahrt gerade so die kleinen (behelmten oder unbehelmten) Köpfe raus, während Mama oder Papa sich abstrampeln. Seit neustem gibt es solcherlei Räder auch mit Elektro-Unterstützung - der Technik sei dank. Neben diesen Jungfamilien gibt es die, die schon etwas ältere Kinder haben. Die fahren dann in Reih und Glied oder nebeneinander, Kinder häufig vorweg und das Elternteil hinterher, zwischendurch Anweisungen brüllend ("Da vorne Stopp!" - "Jetzt links!... Nein! Das andere Links!!").
Von rechts und links und Kreuz und Quer fahren meist junge Erwachsene (Studenten? Junge, aufstrebende Designer? Architektinnen? Ingenieurinnen? Friseure und Friseurinnen? Fahrräder haben keine Schubladen und beantworten diese Frage nicht). Ja, Verkehrsregeln existieren, und nein, keine besagt, dass ich durch den Gegenverkehr auf die andere Straßenseite fahren sollte, wenn es auf meiner Spur mal kurz nicht weitergeht…
Dann gibt es noch die Seniorenradler, die gerne mal auf dem Fußweg fährt, wenn der vorgesehene Fadfahrstreifen aufgrund parkender Autos oder schlechter Planung mal unter 80 cm beträgt (womit die 1,5 m Abstand zu Radlern dann… nennen wir es "optimistisch gedacht" sind. Kann man ihnen nicht wirklich übernehmen, aber seit auch hier die Elektrofahrräder in Mode gekommen sind, schießen die Senioren manchmal ganz schön flott über den Fußweg, im Slalom um radlose Senioren, Familien, Kinder, Touristen und kaffeetrinkende Businessmenschen herum.
Und es gibt natürlich die Profipendler. Rennrad oder Trekkingrad, Hinterradtaschen gehören zum guten Ton, ebenso die professionelle Radlerkleidung. Diese Gruppe von Radlern bildet den harten Kern von denen, die ich auch im Winter bei jedem Wetter wiedersehe. Nur kurz, versteht sich, denn die meisten haben ein irres Tempo drauf und rasen links an mir vorbei. Aus dieser Gruppe werde ich auch des öfteren mal (verbal) angefahren, wenn ich aller Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz doch mal jemanden nicht kommen sehe und in ihre Überholspur ausschere. Und wie das so ist, wenn so viele Menschen aufeinander treffen, die nicht durch Blech und Autoscheiben getrennt werden: Es gibt die, die ihren Aggressionen freien Lauf lassen. Die beleidigen und gewisse Finger zeigen. Wir sollten alle etwas mehr zusammenrücken und es mal von dieser Seite sehen: Wir sind alle Radler. Wir alle nutzen das Rad aus Überzeugung, oder weil es einfacher ist, oder weil es schneller geht. Wir sind die, die unser Zusammenleben gestalten. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn mich jemand auf meinem Weg zur Arbeit beleidigt oder anschreit. Selbst, wenn ich ihm einen Grund geliefert haben sollte, frage ich mich - geht das nicht auch freundlicher? An einer Ampel, bei der grundsätzlich einige Radler bei Rot "durchrollen", wird regelmäßig gebrüllt. "ES IST ROT, DUMME KUH!*" - "KANNST DU NICHT GUCKEN DU IDIOT?" Das vermiest die Stimmung und hilft niemandem. Ich habe jetzt angefangen, in solchen Fällen die Radler (die meisten hole ich später wieder auf) auf ihr Fehlverhalten hinzuweisen und ihnen zu erklären, dass die Fußgängerampel zwar grün zeigt, die Fahrradampel aber nicht, weil diese erst auf grün springt, wenn beide Autospuren stehen (und nicht wie die Fußgängerampel den Weg bis zur Mittelinsel schon freigibt). Bei Sonne sieht man manchmal schlecht, ob die Ampel wirklich funktioniert - tut sie aber. Und siehe da - zwei Radler wussten das tatsächlich nicht und haben sich durch die Sonne täuschen lassen. Kein Geschrei, keine Aggression. Wir wünschten uns einen schönen Tag und fuhren weiter unserer Wege.
Wir gestalten, wie Radler gesehen werden, und wie ernst man uns nimmt. Wenn wir aufhören, uns gegenseitig zu hassen und die Aggression immer weiter hochzutreiben, kann das für unser aller Image nur gut sein. Wir sind alle mitverantwortlich für ein gutes Miteinander auf Radwegen. Wenn jeder von uns auch nur einen winzig kleinen Schritt auf die anderen zugeht und seine Verantwortung wahrnimmt, haben wir eine glorreiche Radlerzukunft vor uns.

'* Das Wort war nicht "Kuh".

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Und täglich grüßt...

Geschrieben am 16.06.2019 von Frauke Beckert
Team: #Offenes Bezirksteam Marzahn-Hellersdorf
Kommune: Berlin

Mein Weg zur Arbeit betrug nie weniger als 50 Minuten. Als Nutzerin öffentlicher Verkehrsmittel füge ich immer noch hinzu - wenn alles gut geht. Es mag die gefühlte Wahrheit sein, aber irgendwas war immer. Zugausfall, Notarzteinsatz, Polizeieinsatz. Berlin ist eine aktive Stadt, und wenn in der Rush Hour die Gefühle hochkochen, sind bestimmte U-Bahnen eben ein guter Nährboden für Streitereien… aber wie jeder, der nach einem anstrengenden Tag einfach nur ein paar Stationen mit der U8 fahren muss, sah ich mich hier stets als die Haupt-Leidtragende. Ich muss eigentlich dankbar sein, denn dem ganzen sinnlosen Warten im U-Bahnhof (in dem es auch keinen Empfang gab! Doppeltes Elend, also) verdanke ich es, dass ich in erster Linie aufs Fahrrad umgestiegen bin. Planbar, oberirdisch, mit gebührendem Abstand zu anderen Menschen - das klang für mich wie das Paradies. Und so steige ich nun jeden Morgen auf mein treues Gefährt und strampele los.

Die Fahrt beginnt schon irgendwie episch, wenn ich nämlich das Tiefgaragentor per Knopfdruck öffne und ins Licht fahre. Da würde auch so eine ergreifende Filmmusik im Hintergrund gut passen (die natürlich nur in meinem Kopf existiert). Ich wohne zwar direkt an der Landsberger Allee, meide sie als Radler aber in Marzahn. Außer einem viel zu schmalen Radstreifen, der auch zeitweise komplett verschwindet, kann man da nichts erleben. Allen, die auf Nahtoderlebnisse stehen ("LKW braust mit 60, die in Wirklichkeit 80 sind, 20 cm neben mir vorbei"), würde ich die Strecke aber uneingeschränkt empfehlen.
Ich halte mich lieber an den Blumberger Damm und die Allee der Kosmonauten. Letztere hat zwar auch keinen Radfahrstreifen, aber Fahrräder sind auf dem Fußweg erlaubt und dort ist selten viel Betrieb. Ich liebe den Weg durch die Hochhäuser zwischen der Poelchaustraße und dem Helene-Weigel-Platz. Dort sieht man stets dieselben Herrchen und Frauchen mit ihren Hunden. Man kennt sich - ich bremse ab, umzirkele die kleinen flauschigen Terrier einer mittelalten Dame, sie nickt mir zu, ich grüße zurück. Das Stück der Allee der Kosmonauten über die Eisenbahntrasse beim S-Bahnhof Springpfuhl ist dann wieder weniger genießbar. Zwar gibt es zunächst noch einen Radweg, aber durch die hohe Dichte an Pendlern, die hier von M8 oder 18 auf die S-Bahn wechseln - und umgekehrt, muss man hier doppelt vorsichtig fahren und Schülern ausweichen, die mitten auf dem Radweg Insta checken, oder der älteren Generation, die besagten Schülern ausweicht und deshalb ohne vorherige Anzeichen auf den Radweg läuft. Ein Stück weiter, vor der Kreuzung mit der Rhinstraße, kommt eine weitere Brücke. Hier gab es mal zwei Autospuren. So starten die Autos auch zweispurig, müssen aber Mitte der Brücke ob eines breiteren Fußweges und des Radfahrstreifens auf eine Spur wechseln. Je nach Verkehrslage muss ich mir hier deshalb den Radfahrstreifen mit der rechten Seite eines Autos teilen, dessen Fahrer die krude Verkehrsführung nicht rechtzeitig bemerkt hatte. Schön ist anders, aber es ist ja schnell vorbei. Vom höchsten Punkt hat man außerdem einen tollen Blick über die Stadt - eine zusätzliche Motivation, die Steigung schnell hinter sich zu bringen (siehe Foto). Rollen lassen bis zur Kreuzung, die Ampel ist immer Rot, wenn ich dort ankomme. Kurzes Päuschen.

Der Landschaftspark Herzberge ist mein Highlight. Ein Ausflug in die Natur, mitten in Lichtenberg. Für etwa einen Kilometer begleitet mich kein Autolärm. Anschließend fahre ich durch die Bornitzstraße. Die hat etwas, das aussieht wie ein Fahrradweg, allerdings nicht offiziell als einer ausgezeichnet ist. Hier ist etwas Geduld geboten und ich muss mein Tempo drosseln: Baumwurzeln haben den Radweg uneben werden lassen, von rechts schießen gelegentlich Taxis aus der Tiefe der Innenhöfe, von links parkt Lieferverkehr für Schulen und Büros quer über dem Fuß- und Fahrradweg. An der Kreuzung Ruschestraße gibt es einen Zebrastreifen. Ohne den wäre hier auch an manchen Tagen kaum ein Durchkommen. Pro-Tipp: Absteigen und über den Zebrastreifen schieben. Das geht schneller, als auf eine Lücke in der Autoschlange zu warten. Hier sehe ich in unregelmäßigen Abständen auch Radler, die über den Zebrastreifen fahren, ohne zu bremsen oder sich um den Verkehr zu scheren. Und Autofahrer, die deswegen mal das ABS testen müssen… Da steige ich lieber mal für fünf Meter ab. Weiter geht es über die Möllendorffstraße. Morgens kann ich mich hier ausruhen, denn hier kann man sich einfach rollen lassen. Eigentlich beginnt mit meinem Wechsel auf die Frankfurter Allee erst das richtige Großstadtgefühl - mit einem Mal bin ich nicht mehr eine von wenigen, sondern Teil einer Masse. Fast alle halten sich an die ungeschriebenen Gesetze des Pendelns und halten sich rechts, sodass links Platz zum Überholen ist. Auch hier drossele ich meist meine Geschwindigkeit und werde einfach Teil der Karawane. Mein Lieblingsschlagloch (längs mitten auf dem Weg, genügend Platz, um mit dem gesamten Reifen hineinzufahren) auf Höhe Warschauer Straße wurde vor einigen Tagen geflickt.
Westlich am Ostbahnhof vorbei führt mich mein Weg dann auf die Köpenicker Straße. Und schon bin ich angekommen. Den letzten Motivationsschub, weiterhin zu radeln, erhalte ich auf diesem letzten Stück. An manchen Tagen stauen sich die Autos vom S-Bahnhof Frankfurter Allee bis hierhin. Und ich? Ich fahre einfach an ihnen vorbei. In meinem Tempo, zu meinen Konditionen. Mehr Freiheit kann man beim Pendeln nicht erleben.

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Reaktionen darauf, wenn ich sage, dass ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre

Geschrieben am 08.06.2019 von Frauke Beckert
Team: #Offenes Bezirksteam Marzahn-Hellersdorf
Kommune: Berlin

Wie man zur Arbeit kommt, scheint ein beliebtes Smalltalkthema zu sein. So komme ich regelmäßig in Situationen in meinem Leben, in denen 7cz erzähle, dass ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre. Was dann folgt, ist eine der folgenden Reaktionen.

Nummer Eins: "Ich fahre ja auch total gerne Fahrrad und würde es auch machen, wenn ich so nah an der Arbeit wohnen würde wie du!"
Vorab möchte ich sagen: Ich liebe das Fahrradfahren. Würde ich es nicht lieben, würde ich eventuell auch nicht 15 Kilometer bis zur Arbeit fahren. Mit "nah" hat das sogar in einer Großstadt wie Berlin nicht mehr allzu viel zu tun. Ich antworte dann meist: Man gewöhnt sich dran. Am Anfang kamen mir diese 15 Kilometer auch wahnsinnig weit vor, und 30 Kilometer am Tag waren quasi eine Fahrradtour, die man mal an einem schönen Sonntag macht. Als ich die Strecke das erste Mal gefahren bin, dachte ich mehr als einmal - wann bin ich endlich da? Wie weit ist es noch? Wenn ich sie jetzt fahre, passiere ich meine festen Wegpunkte und merke gar nicht, wie der Kilometerstand steigt. Es ist ein festes Ritual geworden, das ich richtig vermisse, wenn ich mal nicht zur Arbeit radeln kann. Was ich jedem, der gerne fährt, nur ans Herz legen kann, ist: Macht es. Kommt aus dem Würde-Hätte-Könnte ins Heute-Hier-Und-Jetzt. Jede Strecke, die ich mit dem Fahrrad zurücklege, ist gut für meinen Körper und meine Seele. Ihr könnt nur gewinnen!

Nummer Zwei: "In Berlin?! Mit dem Fahrrad? Das ist viel zu gefährlich!"
Das ist die mit Abstand häufigste Reaktion. Die Intensität dieser Reaktion geht von reiner Neugier, weshalb ich mich in diese vermeintliche Todesgefahr begebe, bis hin zu predigtähnlichen Monologen mit dem Titel "Ich bin zwar noch nie selbst in Berlin Fahrrad gefahren, aber ich weiß dass du eigentlich längst tot sein müsstest". Ja, es stimmt, Radeln in Berlin ist vermutlich gefährlicher als Radeln auf dem Berlin-Usedom-Radweg zwischen Bernau und Joachimsthal, aber wie bei eigentlich allem gibt es auch hier zwei Seiten. Ich als Radfahrer bin ebenfalls Teil des Verkehrs und sollte mich dementsprechend benehmen. In den letzten zwei Jahren, seit ich regelmäßig längere Strecken fahre, hatte ich zwei wirklich gefährliche Fast-Unfälle mit rücksichtslosen Autofahrern. In derselben Zeit hatte ich unzählige Fast-Unfälle mit anderen Radfahrern, die unbeleuchtet, in der falschen Richtung, betrunken, kiffend (nicht BEkifft, sondern den Joint hin- und herreichend), mit mehreren Personen auf einem Rad, auf ihr Handy guckend, oder einfach nur völlig unberechenbar und entgegen jeglicher Verkehrsregeln gefahren sind. Das Argument, dass mich ein anderer Radfahrer nicht umbringen würde durch sein Fehlverhalten, zieht hier nicht, denn wenn sich all die Radfahrer nur ansatzweise entsprechend der Verkehrsregeln verhalten würden, gäbe es eine große Chance, dadurch die Anzahl der Verkehrsunfälle zwischen Autos und Radfahrern reduzieren könnten. Ich habe einmal gesehen, wie ein Radfahrer auf der Kreuzung Frankfurter Allee / Warschauer Straße den Bordstein runter in die Autospur gefahren ist, ohne zu gucken, ohne Handzeichen, weil vor ihm eine langsamere Fahrerin fuhr und der Radweg nicht breit genug war, um zu überholen. Statt 20 Meter langsam zu fahren, entschied er sich für diese absolut leichtsinnig Aktion. Nur durch eine Vollbremsung konnte der Autofahrer einen Unfall verhindern. Ich würde mir wünschen, solche Manöver nie wieder sehen zu müssen. Ich halte mich als verantwortungsvoller Radler an die Verkehrsregeln, fahre nicht bei Rot, in der falschen Richtung oder ohne Licht. Solange ich von anderen Radfahrern dafür belächelt werde, ist der Ernst der Lage noch nicht klar genug. Wer auf sich selbst aufpasst und nach den Regeln spielt, kann auch in Berlin sehr gut Radeln.

Nummer Drei: "Ich will schnell zur Arbeit kommen und keine Zeit vertrödeln, deshalb fahre ich mit dem Auto."
Okay, das sagt niemand, der in Berlin wohnt. Hier wissen alle, dass es eine Quälerei ist, mit dem Auto durch die Stadt zu fahren. Es kann trotzdem schneller sein - wenn alles gut läuft, bräuchte ich zu meiner Arbeit 35 Minuten anstelle von 50 mit dem Rad. Allerdings: Möchte ich das Risiko eingehen, dass ich zusätzlich 20 Minuten im Stau stehe? Könnte passieren, in Berlin, der Stadt der tausend Baustellen. Und da muss ich ganz klar sagen - Die Planbarkeit meines Arbeitsweges, die nur von meiner eigenen Muskelkraft abhängt, ist mir da wichtiger - und ich muss nicht gestresst und frustriert und sauer auf andere Verkehrsteilnehmer sein. Abgesehen von all den anderen positiven Effekten, die das Radeln so hat.

Eine Reaktion gibt es anschließend eigentlich immer: "Aber nur bei schönem Wetter, oder?", höre ich dann. Dazu kann ich nur sagen: Es gibt eigentlich kein schlechtes Wetter - nur falsche Kleidung.

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