Auf dem Weg zum Radfundamentalist

Bild Geschrieben am 15.05.2021 von Lukas Stahl
Team: Universität Witten-Herdecke
Kommune: Witten im Ennepe-Ruhr-Kreis

Die weiterführende Schule, auf die ich nach der sechsten Klasse wechselte, war nur noch einen Katzensprung weg. Nicht mal drei Kilometer. Ich entgegnete mal auf die Frage, was mir jetzt am Gymnasium am besten gefiele, mit: „Der kurze Schulweg!“

Vielleicht war das lange durch die Stadt kämpfen auf Dauer doch nicht so erfüllend. Vielleicht hatte die neue Schule aber auch einfach nicht mehr zu bieten. So genau kann ich das nicht mehr sagen.

In der Stadt Fahrrad zu fahren hatte für mich etwas von einem Kampf, den ich gewinnen musste. Es ging um Platz, das Gesehen- und Anerkanntwerden. Und es ging darum, nicht überfahren zu werden.

Meine Strategie war zu der Zeit ein riskant offensiver, latent aggressiver Fahrstil, den man einem Heranwachsenden noch nicht zugetraut hätte. Ich glaube, geahnt zu haben, dass sich Autofahrende besonders davor hüten, ein Kind zu überfahren, und ich daher einen anderen Schutz genoss.

Zudem kannte ich die offiziellen und inoffiziellen Regeln des Straßenverkehrs mittlerweile sehr genau. Wusste, wie ich Autos so erschrecken konnte, dass sie mich sehen.

Der Kampf war aber auch bald ideologisch: Ich rettete die Welt, die Autos zerstörten sie. Die Straßenverkehrsordnung war eindeutig für Autos gemacht, nicht für Radfahrer. Nur fair also, dass ich mir Sonderrechte zuschrieb und einforderte (zweite Bedeutung von autonom Fahren).

Plötzlich war ich fahrradfahrender Fundamentalist!

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