Don't pay the ferryman

Name: Frank Behrens
Datum: 02.07.2021
Kommune: Lampertheim

Heute war das Wetter endlich einmal für den ganzen Tag als stabil prognostiziert. Ideale Bedingungen für ein "Gran Fondo", eine richtig schöne lange Tour. Schon ewig hatte ich mir vorgenommen, meinen Radius über Nierstein auszuweiten und bis zur Brücke in Gustavsburg vorzustossen. Die Route: In Worms Wechsel der Rheinseite, abbiegen nach Osthofen, dann Kurs auf Oppenheim und dann weiter über die Weinberge Richtung Mainz. Bei Gustavsburg dann über die per Rad befahrbare Autobahnbrücke und dann auf dem R6 über den Kühkopf nach Gernsheim und schliesslich nachhause. Meine erste Station mache ich in Osthofen. Ich bin ja zugereist und als ich das erste Mal hier war und auf das ehemalige Konzentrtionslager stiess war ich wirklich bewegt. Recht sichtbar im Ort liegt diese Anlage. Sonst wurden sie doch eher abgelegen positioniert. Was mich dann aber wirklich mitgenommen hat ist, dass dieses Lager der Handlungsort des Romans "Das siebte Kreuz" von Anna Seghers ist.Ich sah die Verfilmung durch die DEFA erstmals als ich wohl noch Grundschüler war. Nichts hatte mich bis dahin so berührt. Eine Darstellung im Stile des Film Noire auf gesamtdeutschem Boden. Das hat es später leider nie mehr gegeben, aber es entstand zeitlose Filmkunst. Beim ersten Mal erfasste ich kaum die gesamte Dimension, doch wurde emotional auch von Kleinigkeiten gebannt. Beispielsweise, wenn eine Gartenmauer mit Glasscherben gegen das Übersteigen gesichert wird. Später nahm mein Hintergrundwissen zu und auch die eigene Bewertung. Innerlich wechselte die Partei, die ich ergriff. Und das ist wohl gerade die Leistung: Ein menschenverachtendes System anzuprangern und doch den Facettenreichtum und die Komplexität der Situation des Einzelnen darzustellen. Es ist nicht so einfach im Leben, das wusste Anna Seghers genau und doch dürfen keine Dinge geschehen, die die menschliche Zivilisiertheit verneinen. Jenes Einschlagen der Kreuze, jene Hatz auf den Freiheitsdrang, die verzweifelte Bitte um Zuflucht und die Hoffnung, dass einer durchkommt, das war hier. Für mich ist das immer wieder nicht zu fassen und darum fahre ich mit dem Rad immer wieder an diesen Ort. Anna Seghers hat zu meiner frühen Prägung beigetragen und ich setze mich in Osthofen auch mit mir selbst auseinander, mehr als 35 Jahre nach einem Sturm und Drang, der vielfach revidiert wurde. Nur die tiefen Gefühle sind immer noch die selben. In starkem Kontrast dazu stand die herrliche Lanschaft im üppigen Sonnenlicht. Die andere Rheinseite ist schon sehr verschieden und die kleinen Weinorte lassen einen gedanklich ans Mittelmeer reisen. Der Weg nach Nierstein ist gut ausgeschildert und man benötigt nur offene Augen. Nach Nierstein sind es dann noch 20 Kilometer bis zum kostenfreien Flussübertritt. Die Gestalter des Radweges hielten den Weg über die Höhen wohl für malerisch und so ging es bis Nackenhein dann auf und ab. irgendwann verliess ich die vochwasser geschützte Strecke und fuhr wunderbar am Rhein entlag. Wieder wirkte es wie eine Meeresküste. Aber es zieht sich und ich war froh und erleichtert, die Brücke zu sehen. Und dann fuhren auch noch Radler auf ihr. Dies gan mir viel Kraft, um zügig umszusetzen. Nach einem Früstück am Weg ging es dann "All In" nach Lampertheim.