#stadtradeln = greenwashing?

Bild Geschrieben am 09.09.2021 von Christian Szyska
Team: Auf dem Leinpfad
Kommune: Bonn

Natürlich frage ich mich, ob so eine Aktion wie Stadtradeln überhaupt sinnvoll ist oder sein kann. Radfahren? Commuten? Ballern? Kullern? Viele Begriffe für die Fortbewegung auf zwei Rädern ohne Motor. Radeln hört sich an wie: "Komm, wir packen die E-bikes auf das SUV und fahren rauf zur Waldau, radeln zum Bahnhof Kottenforst lecker Kuchen essen. Dann tun wir auch was für die Umwelt."

Viele meinen, diese Aktion sei reines greenwashing. Wir, die Kommunen machen ein bisschen auf Radfahren, zeigen, dass es unter unseren Bürgern den ein oder anderen Gutmenschen gibt, der, ein wenig naiv, dem Autowahn eine Absage erteilt und haben somit ein gutes Gewissen und tun was fürs Klima.
Befremdlich ist auch: kaum eine der teilnehmenden Städte kann eine Radinfrastruktur vorweisen, die sicheres Radfahren ermöglicht. So wie es die Oberbürgermeisterinnen von Köln und Bonn sagen: In ihren Städten, oder auf bestimmten Straßen in ihnen würden sie nicht mit dem Rad fahren. Es stellt sich dann irgendwann die Frage, ob so eine Aktion nicht auch haftungsrechtliche Fragen aufwirft: Inwieweit darf eine Kommune Menschen zu einer Fortbewegungsart aufrufen, durch die sie extremen Risiken ausgesetzt werden?


Die Gründe gegen eine Teilnahme am Stadtradeln halte ich für stichhaltig. Ich persönlich habe mich trotzdem für eine Teilnahme entschieden. Durch das Stadtradeln konnten viele Menschen mobilisiert werden, sich für eine Verbesserung der Situation einzusetzen. Viele kamen dadurch mit den Ideen zu einer Verkehrswende in Kontakt. Viele, unter anderem auch ich, schafften es, sich zu vernetzen und in anderen Kontexten und Organisationen für die Verbesserung der Bedingungen für das Radfahren zu arbeiten und so vorsichtige Schritte zu einer Verkehrswende anzuregen.

Bei einer der ersten Abschlussveranstaltungen zum Stadtradeln Bonn hielt ein „Sieger“ eine flammende Rede zur Situation in Bonn und den Anforderungen an ein modernes Radwegenetz. Der damalige Bürgermeister Nimptsch stand verlegen daneben und schaute zu Boden.

Später ergriff ich selbst das Wort auf der Abschlussveranstaltung 2019. Sie stand ganz im Schatten des Unfalltodes von Lingshuang Jiang, die Opfer eines Abbiegeunfalls an der Bornheimer Straße wurde. Nicht nur, dass ich die bekannten Kritikpunkte der Radfahr-Situation in Bonn Auf zählte : „Wir schwärzen hier Papier und weißen Asphalt“, ich appellierte angesichts des Unfalls an den anwesenden OB Sridharan und die übrigen Zuständigen, solange die Infrastruktur nicht verbessert wird, wenigstens Trixi-Spiegel an den Ampelkreuzungen zu installieren. Gleichzeitig meinte ich, dass, wenn die Stadt die Infrastruktur nicht verbessert, die Radfahrenden dies selbst in die Hand nehmen müssen.
Natürlich wurden später die Trixispiegel im Rat abgelehnt. Mit Mehrheit der CDU, FDP und BBB natürlich. Für mich bedeutete die Veranstaltung den Beginn meines Engagements für den Radentscheid in Bonn. Viele der späteren Mitstreiter haben sich auch durch das Stadtradeln gefunden, die gemeinsame Unzufriedenheit sollte nicht im Frust enden. Es wurden Energien entwickelt, um in der Stadt möglichst alle dem Radfahren gegenüber positiv eingestellte Kräfte zu bündeln. Mit dem https://www.radentscheid-bonn.de/ sind wir dem Ziel ein wenig näher gekommen. CDU und FDP dagegen wurden bei den letzten Kommunalwahlen in die Opposition geschickt und Sridharan abgewählt.

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