Aber mit dem Auto bin ich doch viel schneller!

Geschrieben am 18.09.2021 von Dr. Alyce von Rothkirch
Team: Green Team
Kommune: Eltville am Rhein

Meine letzte Fahrt über 5km führte mich in das etwa 16km entfernt gelegene Mainz, wo ich hinfuhr, um ein paar Einkäufe zu erledigen. Dort würde ich tatsächlich auch im Alltag – also wenn nicht gerade Stadtradeln ist – hinradeln. Und ich weiß, dass einige Leute diese (oder ähnliche) Strecken regelmäßig zur Arbeit pendeln. Andere aber finden, dass es mit dem Auto doch „viel schneller“ geht, und dass das Auto entsprechend konkurrenzlos ist. Deshalb geht es in den folgenden Zeilen um die liebe Zeit und wie wir sie verbringen.

Wenn man den Menschen so zuhört, dann fühlt man sich manchmal, als wäre man in Michael Endes Buch „Momo“ gefangen. Wir erinnern uns: in dem Buch versuchen die ominösen ‚grauen Herren‘, die Menschen zu überzeugen, immer mehr Zeit einzusparen, damit die ihnen in der Zukunft wieder zur Verfügung steht. Die Menschen hetzen also freudlos durch ihren Alltag in der Hoffnung, sich irgendwann später mal ausruhen zu können. Das Problem: die grauen Herren sind Zeitdiebe, die parasitär von der Zeit der Menschen leben. Zum Glück biegt Momo alles wieder gerade, rechtzeitig zum Happy Ending.

In unserer Welt sind wir auch oft damit beschäftigt, uns soweit zu optimieren, dass wir Zeit bei Tätigkeiten, die keinen Spaß machen, sparen, damit sie uns für schöne Dinge zur Verfügung steht. Manchmal frage ich mich allerdings, ob diese Rechnung immer so aufgeht.

Wenn man zum Beispiel mit dem Auto zur Arbeit fährt, im Stau steht, und nach längerer Parkplatzsuche schließlich entnervt im Büro ankommt, ist man vermutlich immer noch schneller als diejenige, die mit dem Fahrrad gefahren ist. Aber wie steht es mit der Qualität der verbrachten Zeit? Zugegeben, in manchen Gegenden ist das Radfahren stressig, weil man ständig im Verkehr bedrängt und manchmal bedroht wird, so dass man auch hier verfrüht graue Haare bekommt. Meine Fahrt nach Mainz bzw. nach Wiesbaden verläuft im Regelfall jedoch durchaus entspannt und die zusätzliche Bewegung tut mir gut.

Der Gipfel der Absurdität ist für mich erreicht, wenn der Mensch, nach getaner Büroarbeit, dann mit dem Auto ins Fitnessstudio fährt, um das Bewegungsdefizit etwas auszugleichen. Wenn wir jetzt schon die Zeitrechnung aufmachen, sind Radfahrerin und Autofahrerin dann wieder quitt, weil die Radfahrerin sich ihre tägliche Bewegung quasi in den Tagesablauf integriert hat. Das meine ich mit Qualität der verbrachten Zeit: wäre es nicht sinnvoller, den Tag etwas zu entzerren, indem man zum Beispiel mit dem Rad fährt, anstatt von Punkt zu Punkt im Tagesplan zu hetzen, um anschließend irgendwie noch Sport zu machen?

Natürlich ist das kein Rezept für jede: für manche ist der Tagesablauf relativ fremdbestimmt – Termine müssen eingehalten werden, Kinder irgendwo hingebracht oder abgeholt werden usw. Viele von uns glauben aber, unheimlich viel am Tag erledigen zu müssen, weil wir sonst das Gefühl haben, etwas zu verpassen. Vielleicht lohnt es sich, die eigene Routine zu überdenken und zu überlegen, ob man sich keine Freiräume fürs Rad schaffen kann. Warum nicht sich die Zeit nehmen, um weniger schnell ins Büro zu fahren und dann auch weniger gehetzt und gestresst bei der Arbeit zu erscheinen? Warum nicht ein bisschen weniger am Tag machen, und dabei besser und bewusster leben?

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