Die Last der Lust mit dem Lastenrad

Written on 11.09.2020 by Guntram Althoff
Team: Green Team
Municipality: Eltville am Rhein

Es gibt Dinge, die kann man nicht wirklich beschreiben - da schwächeln Beschreibungen, da hinken Vergleiche und versagen die Versuche, passende Adjektive zu finden:
So ergeht es mir gerade, doch ich versuche zumindest in der zeitlichen Reihenfolge zu bleiben, wenn mir die Beschreibung schon nicht recht gelingen will:
Ein Wallufer Partner des Eltviller Stadtradelns, der mit "Zweirädern" handelt und die dazu gehörenden "Emotionen" liefert, erklärte sich bei der Auftaktveranstaltung bereit, ein Lastenrad für ein paar Testfahrten zur Verfügung zu stellen.
Dieser Test fand statt und schon im Moment der Übergabe beschlich mich ein Gefühl der Art, dass diese ausgeliehenen 2,30 Meter und geschätzten 40 Kilo gerade mehr als nur ein Leihvorgang sein könnten.
Wenngleich die ersten 200 Meter noch recht unsicher, weil mit null Erfahrung auf solch einem Gefährt, ja noch nicht einmal einem "normalen E-Bike", fand ich rasch einen Rhythmus, einen für mich ungewohnt raschen Rhythmus. Die Gänge, die Zuschaltung und vieles mehr lief absolut flüssig und so fühlte ich mich schon nach wenigen Kilometern mit dem Rad vertraut.
Noch einen kleinen Umweg über Kiedrich, warum eigentlich nicht ...

Bei diesem Umweg folgte der bemerkenswerteste Moment des Ausleihtages: Als ich den Blitzer zwischen Eltville und Kiedrich passierte, schaute ich reflexartig auf den Tacho - ich hatte das Gefühl für die Geschwindigkeit verloren und war einen Moment lang unsicher.
Natürlich war ich weit von der Blitzgeschwindigkeit entfernt, aber der Reflex des Nachsehens zeigte: Es hat mich gepackt.
Am Tag darauf: In 25 Minuten von Erbach zunächst auf den Eichberg (bis ganz oben), runter mit kurzer Pause an der dortigen Kapelle und weiter nach Kloster Eberbach! Das alles ohne jegliche Schweißtropfenbildung.
Kurz vor der Rückfahrt noch Leergut wegbringen - zwei Kästen Getränke und vieles mehr haben dort locker Platz (ersatzweise auch ein Kind, das Lastenrad verfügt "natürlich" über einen Kindersitz).
Das subjektive Sicherheitsgefühl ist recht hoch: Ich hatte aufgrund der Masse des Rades niemals das Gefühl, Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse zu sein, von Autofahrenden nicht für voll genommen zu werden - das jedoch ist leider ein wesentlicher Unterschied zur Realität beim "normalen Radfahren" , bei dem die Akzeptanz gleichberechtigter Verkehrsteilnehmenden noch lange nicht erreicht ist.

Noch 30 Stunden nach der Rückgabe wirkt der Rausch nach, die Fahrbemühungen auf dem eigenen Rad zeigen die Mühen der Ebene, nicht zu reden von den Anstrengungen der Anstiege !

Fazit: Ich denke, so lässt sich die Verkehrswende gestalten; mit so einem Lastenrad braucht man wirklich kein Auto mehr - zumindest nicht für die Einkäufe! Allerdings ist das Zusammenspiel von ÖPNV und Lastenrad doch arg problematisch. Bei diesem Gewicht und den Ausmaßen ist es gar nicht so einfach in die Züge zu kommen.

Und was bei "normalen" Rädern schon schwer ist, ist mit dem Lastenrad ein Ding der Unmöglichkeit : Der im Jahre 2020 immer noch extrem barrierevolle, weil zwei vielstufige Treppen und eine unschöne und übelriechende Passage beinhaltende Bahnhof Eltville ( es gibt tatsächlich weder eine Rampe noch einen Aufzug! - Bild 3 zeigt ihn - unabhängig von der Schuldfrage: Muss der Bahnhof einer Nachhaltigkeitskommune so aussehen???) verhindert de facto die Nutzung mit dem Lastenrad (aber auch mit "normale" Rädern, Rollatoren, Kinderwagen) aus Richtung Wiesbaden bzw. in den Rheingau!

Aber auch mit Lastenrad fallen die Radwege auf, die im Nichts enden, die wenig durchdachten Streckenführungen sowie die vielen Unübersichtlichkeiten, die dadurch entstehen, dass in Eltville viele Flächen, die für eine freie Sicht sinnvoll wären, für Parkplätze genutzt werden; nicht umsonst gab und gibt es in Eltville immer wieder Situationen, in denen es zu unnötigen Unfällen unter Beteiligung von PKW und Fahrrädern kommt, bei denen dann aufgrund der Größen- und Gewichtsverhältnisse, die Radfahrenden im Regelfall die Verletzungen erleiden.
Ich denke, dass eine Verkehrswende auch diesen Punkt anpacken muss!

Ansonsten träumt der Chronist noch ein wenig vom Lastenrad und wünscht uns allen eine erfolgreiche letzte Woche des Stadtradelns 2020!

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