Das Leid mit dem Leinpfad

Written on 28.09.2021 by Dr. Alyce von Rothkirch
Team: Green Team
Municipality: Eltville am Rhein

Wo ich ja seit Beginn des Stadtradelns viel mehr Zeit mit längeren Fahrradtouren verbringe bin ich begeisterte Nutzerin des regionalen Radfernwegnetzes. Nur vor Ort, d.h. am Rhein entlang, fahre ich dort nicht – zumindest nicht auf dem R3 zwischen Eltville und Walluf. Warum? Weil ich es nicht darf. Seit ein paar Monaten ist – und das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – das Fahrradfahren auf einem (mit öffentlichen Mitteln gefördertem) Radfernweg verboten. Man soll auf einen parallel verlaufenden Radweg seitens der stark befahrenen Wallufer Straße ausweichen. Und, trotz meines eher sonnigen und optimistischen Gemüts, macht mich das Thema ein bisschen böse.

Und nicht nur ich bin sauer. Seit Schließung des Radwegs werde ich immer wieder von Bekannten und Bekannten von Bekannten – meist jungen Familien mit Kindern –angesprochen, die nicht verstehen können, warum der Radweg einfach für Radfahrer gesperrt wurde. Das heißt, das stimmt nicht ganz: Das Grundproblem ist natürlich seit Jahren bekannt. Der Streckenabschnitt zwischen Eltville und Walluf ist eben besonders schön, und deswegen möchten auch viele Fußgänger an sonnigen Wochenendtagen den Weg nutzen. Bei einer relativ hohen Anzahl von Fußgängern und Radfahrern sind Konflikte vorprogrammiert und die Fronten zwischen den beiden Lagern sind mittlerweile verhärtet. Und unserem Bürgermeister reichte es dann und er hat den Weg für Radfahrer schließen lassen. Ende der Diskussion.

Ich glaube, der Grund, warum für viele das Thema so emotional besetzt ist, ist die eklatante Ungerechtigkeit dieser „Lösung“ des Problems. (Im Moment ist es gar keine Lösung, da viele Radfahrer das Verbot entweder nicht wahrnehmen oder missachten, und es dieser Tage scheinbar noch viel mehr Zoff auf dem R3 gibt.). Menschen haben ein feines und vermutlich angeborenes Gefühl dafür, was gerecht und was ungerecht ist. Das sieht man schon bei ganz kleinen Kindern, und übrigens auch bei anderen Tieren. Wer das mal sehen möchte, dem sei das YouTube-Video eines Experiments empfohlen, in dem zwei Äffchen für die gleiche Handlung unterschiedlich belohnt wurden, nämlich einmal mit Trauben (sehr lecker) und einmal mit Gurke (auch lecker, aber bei weitem nicht so lecker wie Trauben). Das ungerecht behandelte Äffchen wirft schließlich seinen Gurkenhappen voller Zorn dem Experimentator an den Kopf. Und ähnlich reagieren meine Nachbarn und ich eben darauf, wenn wir auf einem Radweg überhaupt nicht mehr Rad fahren dürfen – und zwar 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche und 365 Tage im Jahr – und den Fußgängern gar nichts weggenommen wird. Die dürfen ihre Traube haben, und wir werden mit Gurke (dem – durchaus nicht unproblematischen – Radweg auf der Wallufer Straße) abgespeist. Es ist einfach nicht fair, und es ist mir schleierhaft, warum das unseren Entscheidungsträgern egal ist.

Dabei könnte eine Lösung des Problems ganz einfach sein. In meiner früheren Heimatstadt Swansea in Südwales gibt es ein anderes, aber ähnlich gelagertes Problem. Swansea hat einen kilometerlangen, wunderschönen Sandstrand. Der wirkt im Sommer natürlich als Magnet für Familien, die sich dort sonnen und Sandburgen bauen wollen. Der Strand ist ein ebensolcher Magnet für Hundebesitzer, weil man dort die Hunde laufen lassen und einen gemütlichen Spaziergang mit anderen Hundebesitzern genießen kann. Diese beiden Gruppen prallen spätestens dann hart auf einander, wenn der Labrador sich die Grillwürstchen geschnappt und dann auf die Sandburg der Dreijährigen gepinkelt hat. Was ist die Lösung der Stadt? Zwischen dem 1. Mai und dem 30. September ist der Strand in bestimmten Abschnitten für Hunde und deren Besitzer gesperrt. Wohlgemerkt: nicht der ganze Strand, und auch nur dann, wenn mit schönem Wetter gerechnet werden kann. Es ist nämlich nicht einzusehen, warum Hundebesitzer in den Sturmböhen im Januar auf ihren Strandspaziergang verzichten sollen. Zu dem Zeitpunkt grillt niemand und es baut auch niemand Sandburgen. Und obwohl die Briten ja gerne auf ihre individuellen Freiheiten pochen, funktioniert diese Lösung weitgehend.

Genau so eine maßvolle Lösung wünsche ich mir auch für den R3 zwischen Eltville und Walluf. Meinetwegen soll der Weg in den sonnigen Monaten am Wochenende für Radfahrer gesperrt werden. Aber an Wochentagen und vor allem in der kälteren Jahreszeit spaziert dort wirklich fast kein Mensch, und es ist nicht einzusehen, warum man nicht über den Leinpfad zum Beispiel zur Arbeit pendeln können sollte. Es wäre eine Lösung, mit der sich vermutlich der größere Teil der Bevölkerung abfinden könnte. Einen Versuch wäre es wert.

Share: Facebook | Twitter