Von Infrastruktur, Sicherheit und Gefühlen

Ecrit le 20.05.2021 de Hansjörg Albrecht
Equipe: Esslinger Stadtverwaltung radelt
Municipalité: Esslingen am Neckar

Kaum ein Bericht über Fahrradthemen kommt heutzutage ohne Verweis auf eine besondere Gefährlichkeit des Radfahrens aus. Während die Gesamtzahl der Verkehrstoten seit vielen Jahren rückläufig ist, nehme die Zahl der getöteten Radfahrer zu, ist oft zu lesen. Aber solange die Zahl nicht zu dem massiven Anstieg an Radfahrenden insgesamt sowie der gestiegenen Gesamtkilomterleistung ins Verhältnis wird, taugt sie nur für billigen Alarmismus.

Der Ruf nach Sicherheit ist verständlich und berechtigt. Aber nicht immer ist alles, was sich sicher anfühlt, auch tatsächlich sicher. Und nicht alles, was sich nicht sicher anfühlt, ist tatsächlich gefährlich. In der Zeit, die ich als Radfahrender überblicke, war Sicherheit lange Zeit gar kein Thema, obwohl im Vergleich zu heute weit mehr Verkehrsteilnehmer gestorben sind. (rund 16.000 im Jahr 1973) Was ist seither passiert? Es kamen die Gurtpflicht, Airbags, ABS und ESP, bessere Fahrwerke und Reifen, Sensoren und Assistenten und was nicht sonst noch alles.
Und Radinfrastruktur? Gab es nicht. Wenn doch, dann um die Radler von der (Auto-)Fahrbahn zu bekommen, um den (Auto-)Verkehr "flüssiger" zu machen - Wege, angelegt von Experten der Automobilisierung und optimiert für die Bedürfnisse von Autofahrern. Den Platz dafür hat man zumeist den Fußgängern weggenommen, mit allen negativen Folgen.

Der motorisierte Verkehr hat stark zugenommen. Der Radverkehr auch. Was seit einigen Jahren auffällig und folgerichtig ist: Radelnde treten jetzt mehr und mehr auch als Interessensgruppe(n) auf und werden entsprechend wahrgenommen. Das ist gut so. Wie wir alle uns in urbanen Räumen bewegen, bedarf dringend der Neubewertung. Wenn von künftiger Radinfrastruktur die Rede ist, stellt sich aber schon die Frage, wem sie eigentlich dienen soll. Die entsprechenden Aushandlungsprozesse werden von Interessenverbänden medienwirksam inszeniert. Nur auf den ersten Blick überraschend: vom Autoverkehr getrennte Radwege finden sowohl ADFC als auch ADAC gut - natürlich aus unterschiedlichen Gründen.

Die wegetechnische "Beseitigung" des Radverkehrs zur "Verflüssigung" des Autoverkehrs nach altem Muster wird weder mehr Sicherheit bringen, noch wird es dazu führen, dass der Autoverkehr abnimmt. Klimawirksam ist nur die Verringerung des Autoverkehrs. Dass wird ohne Anpassung und Neuschaffung von Infrastruktur nicht möglich sein - einerseits. Andererseits wird es nicht reichen, nur auf mehr Infrastruktur zu warten und auf die technischen Lösungsvorschläge der Industrie zu hoffen. Die effizientesten Änderungen sind beim Verhalten jedes/jeder Einzelnen zu erzielen.

Weniger Wege mit dem Auto, mehr Wege mit dem Rad, das ist schon heute möglich. Und dass das nicht Wenige bereits begriffen haben, ist m.E. schon deutlich spürbar. Nicht nur weil mehr Menschen öfters Rad fahren, sondern weil auch mehr "Motorisierte" durchaus Willens und in der Lage sind, sich diesbezüglich umsichtig und rücksichtsvoll zu verhalten.

Differenzierte Analysen zum Thema Sicherheit liefert folgender Blog, der etliche (gefühlte) Wahrheiten ins Reich der Mythen verweist.

https://radunfaelle.wordpress.com

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