12.07. Nach 21 Tagen und 2.039 Kilometern: Fazit

Ecrit le 13.07.2021 de Stefan Verhoeven
Equipe: Clever Ruder Club e. V.
Municipalité: Kleve im Kreis Kleve

Für uns Klever ist das Stadtradeln für dieses Jahr vorbei. Nach zahlreichen Tagesberichten möchte ich diese Gelegenheit nutzen mein persönliches Fazit als Stadtradelstar zu ziehen.

Zunächst: 21 Tage Radfahren-Intensiv in und um Kleve machen ganz überwiegend Spaß - ABER: Ich bin mir dabei bewusst, dass ich als grundsätzlich begeisterter Sportler und Radfahrer bezüglich der Freude am Radfahren nicht das Maß der Dinge bin. Vielmehr bin ich davon überzeugt, dass wir erhebliche Anstrengungen zu unternehmen haben werden, wenn der Anteil des Radverkehrs auf kurzen und mittleren Strecken zur nachhaltigen Senkung von CO2-Emissionen in relevanten Größenordnungen gesteigert werden soll.

Sollen nicht nur überzeugte "Allwetter-Radfahrer", sondern auch "Schönwetter-Radler" und aus verschiedensten Gründen bislang mit dem PKW verbundene Pendler, Schüler, Einkäufer, und andere Personengruppen sehr überwiegend dazu begeistert werden, sich im Stadtgebiet und zumindest der näheren Umgebung vorzugsweise mit dem klassischen Fahrrad, E-Bike oder Lastenrad fortzubewegen, bin ich davon überzeugt, dass hierzu auf verschiedenen Ebenen andere Ansätze als bislang gewählt werden müssten. Dass das Fahrrad auf solchen Strecken für gut 2/3 der Menschen das Verkehrsmittel der Wahl sein kann zeigt ein Blick über die Grenze, wo dies in Nijmegen und Umgebung bereits Realität ist. Daher liegt es meines Erachtens nahe, sich die Nachbarn dankbar zum Vorbild für (Rad)-Verkehrsplanung und -gestaltung zu nehmen.

Das fängt meines Erachtens im Kleinen an: Indem Radwege und Fahrradstraßen für die Bedürfnisse von Radfahren so angenehm wie möglich gestaltet werden. Heißt bei Übergängen zwischen Straßen und Radwegen wird z. B. auf abgesenkte Bordsteine verzichtet, sondern ein unterbrechungsfreier Weg gestaltet. Neue oder neu-restaurierte Wege werden in ausreichender Breite umgesetzt und so hochwertig erstellt, dass diese auch nach mehreren Jahren nicht von Baumwurzeln in Buckelpisten verwandelt werden. Dort wo Ausbesserungen unvermeidbar sind, werden diese so erstellt, dass die Übergänge zwischen verschieden alten Belägen möglichst nicht spürbar sind. Denn jede Unebenheit des Wegbelags kostet Radfahrern Kraft, schüttelt sie durch und macht das Radfahren damit etwas weniger Bequem.

Für überragend Wichtig erachte ich in diesem Zusammenhang, konsequent zu handeln. Damit meine ich, sich darüber Gedanken zu machen, ob man - ähnlich wie unsere Nachbarn - das Fahrrad zum Nachverkehrsmittel Nr. 1 machen will. Beantwortet man diese Frage mit "Ja" - was ich persönlich sehr begrüßen würde - dann ergibt sich daraus meines Erachtens die zwingende Schlussfolgerung, dass man auch die Bereitschaft mitbringen sollte alte Denkweisen über Bord zu werfen und dem Radverkehr auch eine diesem Ziel entsprechende Wertschätzung einzuräumen. Ein Beispiel: Für den Radverkehr wurde die grundsätzlich hervorragende Europa-Radbahn gebaut - das bislang größte hiesige Projekt zur Förderung des Radverkehrs. So toll dieser Radweg geworden ist, wird einem als Radfahrer jedoch unmissverständlich klar, dass man "Verkehrsteilnehmer 2. Klasse" ist. Denn auch an kreuzenden Straßen von eher minderer Bedeutung, wie der Wasserburger Allee oder der Flutstraße, muss man darauf warten, dass die Ampeln auf "Grün" schalten. In Holland hätte hier der Radverkehr Vorrang und der motorisierte Verkehr hätte dessen Vorfahrt zu achten - ohne kostspielige Lichtzeichenanlage. Ein positives Beispiel aus Kleve ist hier die neue Kreuzung Steinstraße /Flasbloem /Steenowe in Kellen, wo nun der die Steinstraße querende Radverkehr Vorfahrt genießt.

Diese Wertschätzung sollte auch an anderen Stellen und auf anderen Ebenen entwickelt werden. Denn meldet man z. B. Wurzelschäden auf Radwegen oder hinderliche Umlaufsperren, wird häufig darauf verwiesen, dass man seine Geschwindigkeit doch bitte einfach mäßigen möge. Meiner Erfahrung nach werden Radfahrer, die sich mit 25 km/h im Stadtgebiet bewegen, sehr häufig als "Raser" wahrgenommen. Möchte man das Rad aber nicht nur als Freitzeitgefährt, sondern als Verkehrmittel um schnell von A nach B zu gelangen etablieren, ist es meines Erachtens von entscheidender Bedeutung, dass Radwege auch zügiges Fortkommen erlauben - zumal 25 km/h heute auch eine Geschwindigkeit ist, die tatsächlich von jedem E-Bike-Faher erreicht werden kann. Niemand käme auf den Gedanken PKW-Fahrer, die ihr Fahrzeug außerhalb von Spielstraßen mit 25 km/h bewegen als "Raser" zu bezeichnen - dann möge doch Bitte dem Radverkehr dies auch zugestanden werden.

Insgesamt wünsche ich mir für Kleve und die umliegenden Kommunen ein Radverkehrsnetz wie es zwischen Nijmegen und seinen Vororten und Nachbargemeinden entwickelt wurde. Alle Vororte sind dort mit mindestens einer Radverkehrsachse mit dem Stadtzentrum, sowie auch anderen Ortsteilen untereinander verbunden. Im Stadtzentrum führen mehrere Rad-Achsen zu den bedeutendsten Zielen und zu Umsteigemöglichkeiten auf den ÖPNV. Auf diesen Radverkehrsachsen bestehen entweder explizite, sehr breite (oft ~3 Meter je Spur) Radwege oder Fahrradstraßen, auf denen Radfahrer fast durchgehend Vorrang genießen und Kraftfahrzeuge höchstens auf Stellplätzen neben der Fahrbahn abgestellt werden dürfen. Für Fußgänger stehen separate Wege zur Verfügung - kombinierte Fuß-/Radwege findet man auf solchen Routen kaum. Überwiegend wurden hierfür Nebenstraßen in Fahrradstraßen umgewidmet und Radwege abseits stark befahrener Straßen geschaffen - etwa durch Wälder und Parks. Hauptverkehrsstraßen werden sehr häufig durch Unterführungen gequert und wo an Radstraßen Ampelanlagen existieren schalten diese in der Regel äußerst kurzfristig auf grün, da sich nähernde Radfahrer bereits durch Induktionsschleifen im Asphalt erkannt werden. Zusätzlich gibt es mindestens eigene Lichtzeichen für Radfahrer, sowie separate Säulen zur manuellen Auslösung der Ampel. Angenehm empfinde ich auch zusätzliche Anzeigen, welchen die verbleibende Wartezeit entnommen werden kann. Nicht vergessen werden soll, dass unsere Nachbarn dabei auch nicht vor großen und offensichtlich kostenintensiven Lösungen zurückschrecken - wie beispielsweise der neuen Brücke über die Maas, die eigens errichtet wurde um Cujik an den Radweg nach Nijmegen anbinden zu können.

Wie könnte so etwas in Kleve aussehen?
Zum Beispiel in Kellen könnte südlich der Emmericher Straße eine Radverkehrsachse durch das Ortszentrum laufen. Beginnend bei "Kaufland" mit einer Unterführung der Emmericher Straße, entlang hinter der Bebauung der Straße Kellenshof über das Gelände des städtischen Lagers auf die Straße An der Kirche, die in diesem Bereich zur Fahrradraße gewidmet würde. Der Radverkehr würde bevorrechtigt die Kreuzhofstraße queren und weiter über die Straße "Zur alten Kirche" zum Park laufen, durch welchen ein expliziter Radweg zur Willibrordstraße führen würde. Über wenige Meter der Ferdinandstraße und die Overbergstraße würde die Willibrord-Grundschule erreicht, wo der Radweg am Rande des Schulhofs geführt würde, um dann auf den Ulmenweg zu führen. An dessen Ende würde die Lindenstraße bevorrechtigt gequert und ein Radweg enlang des Geländes der Karl-Kisters-Realschule geführt, bis zu einer Unterführung des Klever Rings. Dort würde sich der Radweg gabeln: Ein Teil in Richtung "Op de Botter" um den kurzen Anschluss an die Innenstadt herzustellen, ein weiterer Teil über das künftige Sportzentrum Unterstadt zum im Bau befindlichen Berufsbildungszentrum und in Planung befindlichen Neubaus des Konrad-Adenauer-Gymnasiums, wo der Radweg Anschluss an den Alleenradweg fände. Eine solche Achse könnte auch Anschluss an die Oberstadt finden: Mit einer Unter- oder Überführung der Bahngleise, entlang des "Schrottplatzes" zur Kalkarer Straße. Diese kreuzend zum Königsgarten und über die Stettiner Straße und in Verlängerung zu dieser durch die Felder (oder am Rande der Felder) zu den Galleien, wo über eine schneckenförmige Rampe Höhe gewonnen werden könnte (siehe z. B.: "Donaubrücke Pöchlarn" bei Wikipedia - das ginge bestimmt auch eleganter) um dann über eine Brücke direkt Anschluss an den Prinz-Moritz-Park neben der Kreisverwaltung / Ecke Nassaueralle / Lindenallee zu finden. Solche weitreichenden Projekte mögen wie Träumerei erscheinen angesichts der vermutlich nicht unerheblichen Kosten - aber wie gesagt: Man sehe nur einmal über die Grenze - unmöglich wäre es nicht!

Diese und viele andere Gedanken zum Radverkehr in Kleve sind bei mir während der über 2.000 Kilometer auf dem Rad entstanden - dennoch möchte ich es hierbei belassen. Auch wenn ich in diesem letzten Blog-Eintrag viele Veränderungsvorschläge niedergeschrieben habe bleibt nochmal hervorzuheben, dass wir in Kleve - verglichen mit anderen Deutschen Städten - bereits über ganz gute Möglichkeiten zum Radfahren verfügen. Insbesondere bei meinen Touren durch Bezirke von Duisburg, wo selbst die Straßen voller Schlaglöcher waren, oder Köln, wo ich an einer Kreuzung mehr als 10 Minuten brauchte um 5 Fahrspuren überqueren zu dürfen, habe ich mir dies wieder vor Augen führen können. Trotzdem geht es halt auch viel besser.

Zum Abschluss möchte ich festhalten, dass es mir wieder eine große Freude war am Stadtradeln teilzunehmen und eine Ehre, dies als Stadtradelstar zu tun. Ich hoffe, dass der Eine oder die Andere meine Blog-Beiträge interessant fand und würde mir wünschen, dass die Radverkehrsförderung über die bereits bestehenden Konzepte hinaus fahrt aufnimmt!

Partager: Facebook | Twitter