Mit allen Sinnen Radfahren -

Image Ecrit le 15.09.2021 de Christian Szyska
Equipe: Auf dem Leinpfad
Municipalité: Bonn

Stinkbombe? Eindeutig stank es nach Schwefelwasserstoff in der Nähe der Kläranlage. Nicht so schön. Doch was die Welt der Düfte angeht, so bietet das Radfahren dem sensiblen Zeitgenossen hohen Genuss. Klar, in den Innenstädten eher weniger, aber sobald es aufs Land geht, passiert da Einiges.
Meine olfaktorische Reise beginnt oft in den Herseler Auen. Den Abgasschwaden der Kölnstraße entkommen, erreicht im späten Frühjahr ein zart süßer Erdbeerduft meine Nase. Auf dem Leinpfad, früh am Morgen, lockt vor Üdorf der zimtige Geruch von frischgebackenen Rosinenschnecken, den die Bäckerei Klein verströmt. Eigentlich ein Grund, kurz anzuhalten und sich mit dem frischen Hefeteilchen einzudecken.
Auch der Rhein verbreitet eine olfaktorische Signatur. Besonders wenn das Hochwasser wieder zurückgeht oder bei extremen Niedrigwasser steht an den Ufern der fischig modrige Odeur des trocknenden Schlamms.
Im Frühjahr verströmen Holunderblüten ihren betörenden Wohlgeruch. Weniger betörend sind die herben Ausdünstungen der Ziegen, die auf den Uferwiesen in Widdig grasen. Eine Attraktion sind sie dennoch für Familien mit kleinen Kindern. Unangenehmer noch riechen die Hühnerställe in der gleichen Gegend.
Führt mich mein Weg westwärts über die Felder, umweht mich der Pferdegeruch vom Gestüt Aluta, der viele Mädchenherzen höher schlagen lassen würde.
Es lässt sich sagen: die Landwirtschaft bietet wahres Orchester an Düften. Blüht der Lauch, liegt ein leichter Knoblauchduft in der Luft. Ähnlich, wenn auch kräftiger, wirkt die Lauchernte auf das Riechorgan ein.
Einige Bauern haben sich auf Kräuter spezialisiert. Thymian, Rosmarin und Koriander, die Ausdünstungen hier muten fast mediterran an. Die verschiedenen Arten von Petersilie erinnern dann wieder eher an die heimische Küche. An anderer Stelle riecht es unverkennbar kohlig, da wo Spitz-, Weiß,- Rot- und Rosenkohl wachsen und geerntet werden.
Kurz im Jahr ist die Zeit der süßen Düfte von Pflaumen oder gar Kirschen, Äpfel und Birnen riecht man schon häufiger. Passiert man die endlosen plastiküberdachten Erdbeerfelder, entsteht der Eindruck, man führe durch eine Marmeladenfabrik.
Auch eine olfaktorische Reise geht irgendwann zu Ende. Fährt man entlang des Rheins, holt einen die „Stinkestrecke“ durch die Chemiewerke in Wesseling wieder in die harte Realität unseres hyperindustiralisierten Zeitalters zurück. Oder der Weg führt in die nächste Ortschaft wo sich der Radfahrende den Raum wieder mit dem MIV teilen muss, dessen schädliche Ausdünstungen die kurz erwachte Sensibilität der Riechzellen wieder abtötet.
(Bild: Schnittlauchblüte im Vorgebirge)

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